Anarchistisch feministisch autonome Zeitung (AFAZ)

Die AFAZ existierte in den Jahren 1989/90 leider nur zwei Ausgaben lang. Herausgegeben wurde sie in Frankfurt/Main u. a. von einigen Menschen der ehemaligen Redaktion des anarchistischen Magazin AKTION, das von 1980 bis 1988 existierte. Die AFAZ war gedacht als bundesweite Zeitung, die die im Titel angesprochenen Inhalte thematisieren und lebensnah umsetzten wollte. Obwohl die MacherInnen von ihrem Konzept und ihrer Zeitung begeistert waren, wuchs ihnen die Arbeit an der Zeitung aus Zeitgründen über den Kopf. Ein auf die Schnelle zusammengeschustertes Blatt wollten sie allerdings nicht herausgeben und beschlossen daher schweren Herzens, die Zeitung nach nur zwei Nummer und trotz positiver Resonanz wieder einzustellen.

Nun sind einige Artikel und Fotos hier bei uns exklusiv zu lesen und zu sehen.

Außerdem könnt ihr seit 2006 die beiden Zeitungen über unten stehende Links als pdf-Dateien herunterladen. Allerdings braucht ihr da schon einen Breitbandzugang zum Internet (Dateigrößen: ca. 7 und 11 MB), sonst dauert das zu lange. Die Qualität der Scan ist nicht berauschend, was an den blassen Vorlagen liegt.

Aufruf zur AFAZ-Gründung

AFAZ Nr. 1

AFAZ Nr. 2


Textauszug zur AFAZ aus:

Bernd Drücke, Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland

Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm 1998, ISBN 3-932577-05-1, 640 Seiten. Die Nummerierung der Fußnoten entspricht hier nicht der im Buch.

Die Restauflage des Buches wurde vom Verlag Graswurzelrevolution aufgekauft und ist jetzt für 12,- statt 29,- Euro erhältlich. Siehe: http://www.graswurzel.net/laden/

Wir bedanken uns beim Autor für die Bereitstellung des Textes. Die Anmerkungen sind in diesem Text nicht enthalten.


XV.1 AFAZ

Im September 1989 erschien in Frankfurt am Main die erste Ausgabe der AFAZ .

Die „anarchistisch feministisch autonome Zeitung“ (Untertitel) startete mit einer Auflage von 1.000 Exemplaren und 48 DIN A4 Seiten Umfang. Nicht zufällig erinnerte sie von Layoutstil und Inhalt an die 1988 eingestellte Aktion . Ehemalige RedakteurInnen der Frankfurter Aktion bemühten sich gemeinsam mit anderen libertären Frauen und Männern seit Ende 1988 um eine neue linksradikale Zeitschrift aus dem Rhein-Main-Gebiet und beteiligten sich an der AFAZ .

Zum Konzept des presserechtlich von T. Schupp verantworteten und über ein Postfach der „Fördergemeinschaft für Kultur und Kommunikation e.V.“ erreichbaren Periodikums, schrieb die aus drei Frauen und vier Männern bestehende „Kernredaktion“:

„Wir treten ein für eine herrschaftsfreie (anarchistische) und selbstbestimmte (autonome) Gesellschaftsordnung. Dieser Utopie wollen wir sowohl durch politische Organisierung als auch durch persönliche Änderung jetzt schon näher kommen. Es gilt in einem sozialrevolutionären Prozeß ökonomische und patriarchale Strukturen der Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen durch Menschen aufzubrechen und abzuschaffen. Wir wollen selbstbewußte Menschen mit 'aufrechtem Gang' werden, die in Freiheit und sozialer Gerechtigkeit und in Achtung der natürlichen Lebensgrundlagen zusammenleben. Mit dieser Zeitung wollen wir diesen Prozeß fördern und Menschen für den Kampf zur Erreichung dieser Ideen gewinnen. Wir formulieren einen gesamtgesellschaftlichen Anspruch auf die Selbstverwaltung aller Produktionsmittel und wenden uns gegen jegliche HERRschaftsstrukturen.“

Die Redaktion der als bundesweite Zeitschrift konzipierten AFAZ begriff sich als eigenständige Gruppe und „integraler Bestandteil des zukünftigen anarchistisch-feministisch-autonomen Zentrums in Frankfurt.

Sie sei jedoch keineswegs das „Sprachrohr des Zentrums“.

Um Gruppen und Menschen unterschiedlicher Herkunft und aus verschiedenen Bereichen anzusprechen, bemühte sie sich um eine leichtverständliche Sprache.

Deshalb werde das Kollektiv versuchen, so wenig Fremdwörter wie möglich zu verwenden. Ebenso sollte wo möglich auf szeneinterne Abkürzungen, Floskeln und Inhaltsbezüge verzichtet werden, „die wir nur aufgrund gemeinsamer Geschichte und Erfahrungen richtig interpretieren können“ .

Durch Fußnoten sollten Unklarheiten beseitigt werden.

Die Zeitung könne, neben allen politischen Ansprüchen, auch

„Zeitung der Schreib- und sonstigen Lust werden, die mal ein bißchen unsere vom Kampf in den Metropolen verstaubten Gehirne durchpustet, in der nicht nur Informationen und Diskussionen oder Einschätzungen vermittelt werden, sondern in der gesponnen, gewitzelt und gekritzelt werden kann, die nicht nur ein privates Kampfverhältnis widerspiegelt, sondern auch unser leider oft allzu privates Verhältnis zu Leben, Lust, Leidenschaft und Rattentanz.“

Lust, die sich befreie, sei immer auch Angriff.

„Wäre natürlich schön, wenn diese Lust nicht nur auf das Schreiben beschränkt bliebe…

Ansatz der Zeitung wäre also unter anderem, ein bißchen mehr an Lebensäußerungen nach außen zu bringen, nicht auf einer extra 'KünstlerInnen-' oder 'Kulturseite', sondern als integraler Bestandteil jedes Artikels.“

Die professionell gemachte AFAZ wurde ihren oben zitierten Ansprüchen gerecht.

Im Frühjahr 1990 erschien die zweite Ausgabe mit einer auf 1.500 Exemplare erhöhten Auflage, einem Umfang von 60 DIN A4 Seiten, dem Untertitel „Zeitschrift für ein HERRschaftsfreies, selbstbestimmtes Leben“ und einer neuen Kontaktadresse im anarchistischen Zentrum, Hinter der schönen Aussicht 11.

Zahlreiche LeserInnenbriefe sowie die Kommentare von GWR , SF u.a. Redaktionen machen deutlich, daß die schnell vergriffenene AFAZ von vielen Libertären in der Bundesrepublik positiv aufgenommenen wurde.

Zur Änderung des auf Kritik gestoßenen Untertitels der ersten Ausgabe, schrieb die Redaktion, daß sie mit den „Etiketten“ auf der Titelseite (anarchistisch, feministisch, autonom) zum Ausdruck bringen wollte, in welche Richtung sie mit dieser Zeitschrift arbeiten wolle.

„Menschen, die mit diesen drei Begriffen oder nur einem oder zweien von ihnen etwas anfangen können, würden sich von dem Titel angesprochen fühlen, dachten wir. Gleichzeitig aber hatten und haben wir den Anspruch, gerade auch Leute zu erreichen, denen diese Begriffe gar nichts sagen bzw. für die diese Begriffe negativ besetzt sind (z.B. Anarchie = Chaos.) Wie nun diese beiden Absichten zusammenbringen? Daß wir in der Zeitung, durch die Zeitung diese drei Begriffe neu mit Inhalt füllen wollen, darin waren wir uns einig. Aber sie weiterhin auf der Titelseite zu lassen, so vielbenutzt und dadurch sinnentleert oder sogar in ihr Gegenteil verkehrt wie sie nunmal sind, schien uns nicht mehr sinnvoll, wenn wir wirklich den Versuch machen wollen, mit dieser Zeitung auf neue Leute zuzugehen.“

Eine Zeitung oder ihre Redaktion könne „nicht 'anarchistischfeministischautonom' (uf)“ sein, sondern nur in diese Richtung arbeiten. Daß der Untertitel von seiner Formulierung her in dieser Weise mißverstanden werden konnte, sei ein weiterer Grund gewesen, ihn von der Titelseite zu nehmen. Ebenfalls einleuchtend sei die Kritik, ein gemischtes Zeitungsprojekt könne sich nicht „feministisch“ nennen. Zumal von den männlichen Redaktionsmitgliedern sich keiner als „feministisch“ bezeichnete, seien die MacherInnen zu dem Schluß gekommen, daß „antipatriarchal“ das passendere Wort für die Zielrichtung der Zeitung ist.

Im Januar 1991 verkündete die AFAZ -Redaktion im Schwarzen Faden die Einstellung ihres Projektes:

„Schon Anfang des Jahres, vor der zweiten Nummer, wurde uns immer klarer, daß wir so nicht weitermachen können. Wir waren zu wenige; Kinder und Arbeit ließen uns zu wenig Zeit zu gründlichen Diskussionen etc. Die AFAZ als bundesweite Zeitung unter diesem Namen wird es nicht mehr geben.“

Bernd Drücke, 1998