Interview mit Joschka Fischer

(AKTION - anarchistisches Magazin Nr. 26, 2-87)


Dieses Gespräch zwischen einem Mitarbeiter der AKTION und dem ehemaligen Hessischen Umweltminister Joschka Fischer ist längst keine Selbstverständlichkeit. Es folgt der Idee des offenen Dialogs, der bisweilen zum Schlagabtausch wird, was auf jeden Fall der Transparenz der Politik und der Spannung zugute kommt.

"ES REICHT!"

AKTION: Vom Häuserkämpfer zum ersten Turnschuhminister - eine bundesrepublikanische Karriere oder ein Fall resignierter Korruptheit?

Fischer: Weder noch. Ich hoffe doch, ihr Anarchos macht mir heute den Streetfighter nicht zum Vorwurf.

AKTION: Nicht im geringsten. Was nützt ein Umweltminister? Du hast jetzt die große Chance, eingefleischte Anti-Parlamentarier von der Wahlzetteldemokratie zu überzeugen.

Fischer: Als ihr mich gefragt habt, ob ich zu diesem Gespräch bereit wäre, fand ich die Idee ganz amüsant. Ich halte nichts von Ausgrenzungen. Mit Verlaub bemerkt, habt ihr mir gegenüber sicher mehr Berührungsangst als umgekehrt. Aber lassen wir doch die Vorurteile, diese billigen Klischees beiseite ...

AKTION: Welche denn?

Fischer: Wo ein "Minister" an sich schon als teuflischer Sündenfall gilt und ich z. B. zum “Schwein“ gestempelt und für die revolutionäre Schlachtbank vorgemerkt werde. Setzt euch endlich mal inhaltlich auseinander!

AKTION: Joschka, du als Minister, ohne Krawatte, frech, mit deiner Sponti-Vergangenheit, du ergänzt glänzend die große Firma Staat, förderst die Identifikation von kritischen Leuten und oppositionellen Bewegungen mit diesem Staat.

Fischer: Was ist daran so verwerflich? Wenn Identifikation bedeutet, sich ganz massiv einzumischen und den konservativen Kräften auf allen gesellschaftlichen Ebenen Paroli zu bieten, dann bin ich entschieden für eine solche Identifikation.

AKTION: D. h., ehemalige Apo-Kämpfer kümmern sich jetzt um die Gartenzwerge der braven Bürger, hantieren mit parlamentarischen Geschäftsordnungen und befürworten das Gewaltmonopol des Staates. ihr entzieht der radikalen Opposition wichtige Kräfte.

Fischer: Ach, da klingt er an, der Ladenhüter aus den good old sixties: Revolution oder Reform. Dieser ach so unversöhnliche Gegensatz mag sich ideologisch verhackstücken lassen, taugt aber nichts für radikale und realistische Politik. Die Neue Linke hat sich viel zu lange aus dem täglichen Kleinkram rausgehalten und den Rechten das ganze Feld pragmatischer Alltagspolitik überlassen. Ich halte das für einen großen Fehler.

AKTION: Es gibt aber noch für uns die Perspektive der Überwindung des Kapitalismus.

Fischer: So? Ihr seid nicht die Ersten. Die Neue Linke hat diese Perspektive in unterschiedlichen Modellen durchgespielt, von der kommunistischen Kaderpartei bis zur Militanz auf der Straße. Der Kapitalismus hat sich; so weit ich weiß, von dieser geballten Radikalität nicht beeindrucken lassen.

AKTION: Also kämpft ihr heute lieber für ein, zwei, viele grüne Minister.

Fischer: Ganz klar! Wir wollen Teilhabe an der Macht, und bevor auf den Ministersesseln Technokraten wie Steger oder ergraute Reaktionäre Platz nehmen, bin ich dafür, unsere Chance zu nutzen. Es hilft nichts, wir müssen hinein in die gesellschaftlichen Machtzentren.

AKTION: Um dann per Amt und Würden die Menschheit zu beglücken! Im Ernst, ihr haltet euch wohl für grüne Gorbatschovs!

Fischer: Gorbatschov ist ein Fuchs, intelligent, nach vorn blickend, ein glänzender Taktiker! Trotz großer Skepsis finde ich die Geschichte in Rußland sehr spannend. Unsere kalten Krieger verstehen die Welt nicht mehr.

AKTlON: Warum sägt ihr eure Fundis ab? Das sind doch eure nützlichen Idioten, wie die Jusos in der SPD?

Fischer: Keiner sägt die Fundis ab. Die haben sich selbst da hinein manövriert. Die Landesdelegiertenversammlung hat autonom entschieden ...

AKTION: Mit der heimlichen Regie der Fischergang.

Fischer: Das ist Quatsch! Die Mitglieder brauchen keinen Regisseur, die sind doch nicht blöd.

AKTlON: Laßt doch die Fundis einfach mal machen. Ebermann, der jetzt ein Bonn so radikale Sprüche klopft, hat doch als erster Grüner mit der SPD verhandelt ...

Fischer: ... um die SPD zu entlarven.

AKTION: Ne, jeder gute Kommunist wünscht sich im Stillen die Heimkehr zu einer geläuterten SPD. Aber zurück nach Hessen. Warum habt ihr die Koalition an den Hanauer Atomfabriken platzen lassen?

Fischer: Steger hat eindeutig die Vereinbarungen mißachtet, die im sogenannten Doppelvierer zwischen Grünen und SPD zur Atomfrage ausgehandelt worden waren. Da war unser Selbstverständnis auf dem Spiel ...

AKTlON: Hör auf, du mußt hier keine grüne Landesversammlung überzeugen. Das ist doch Schwachsinn: Biblis, eines der größten AKWs in Europa, darf ungestört weiter arbeiten. Was macht ihr, wenn Biblis hochgeht? Den nächsten Bundeskanzler stellen?

Fischer: Wenn es uns gelingt, daß diese Generation von AKWs die letzte in diesem Lande gewesen ist, dann haben wir ein entscheidendes Etappenziel erreicht, darin ist eine Zukunft ohne Atomkraft erst realisierbar geworden!

AKTION: Alkem, das war doch nichts als Taktik. Ihr traut euch doch nur bei guten Wahlergebnissen. Dann laßt ihr die Muskeln spielen. Wie war das denn mit der Startbahn West? Als das Thema keine Stimmen mehr brachte, war es vom Tisch.

Fischer: Da tut ihr uns unrecht. Wir haben mit Börner sehr hart und zäh über die Startbahn verhandelt. Aber ...

AKTION: Seit Jahren kämpfen Startbahngegner verbissen gegen die Betonpiste im Waldorfer Wald, bewacht eine Bürgerkriegsarmee mit eurer Duldung das ganze Gelände. Und ihr schweigt dazu.

Fischer: Es ist uns immerhin gelungen, die Hardliner in der Polizeiführung zurückzuhalten. Ohne Die Grünen wär das Häuflein der Aufrechten in Mörfelden-Waldorf längst aus dem Wald geprügelt worden. Wir versuchen, den Konflikt zu deeskalieren und zu entemotionalisieren. Das hilft doch niemanden mehr, Die Bäume sind doch gefällt. Das muß doch selbst in ein verbohrtes Autonomenhirn reingehen. Da spielen ein paar radikale Pfadfinder Aufruhr, was soll das?

AKTION: Deeskalation? Und deswegen finanziert ihr die Mammuts, die neuen Hochdruckwasserwerfer und die zügige Aufrüstung des Bullenapparates, liefert womöglich internes Wissen zur Optimierung von Polizeitaktik und Psychologie.

Fischer: Das ist übertrieben. Aber eure außerparlamentarischen Kämpfe müßt ihr schon selbst führen, wenn das euer Weg ist.

AKTION: Einst im Revolutionären Kampf gehörtest du, Joschka, zur Putztruppe, warst also kein universitärer Edel-Revoluzzer. Wie kriegst du das mit deinem derzeitigen Hyperrealismus unter einen Hut?

Fischer: Erst mal, so bedeutend war diese Putztruppe nicht. Macht daraus keine Legende, ja? Immerhin, uns ist klar geworden, daß die Straßenmilitanz gesellschaftlich und politisch in eine Sackgasse führt. Der Staat sitzt am längeren Gewalthebel. Ich habe Verständnis für Putz als spontane Mißfallensäußerung, um es einmal so auszudrücken. Ehrlich, die Scherben nach Günther Sarges Tod konnte ich emotional nachvollziehen. Aber ein politischer Weg ist das nicht. Die gewaltsame Konfrontation mit dem Staat zu suchen führt direkt in die politische Aussichtslosigkeit, erzeugt immer wieder Ohnmacht. Denn der Staat räumt die paar Streetfighter, wenn er nur will, mit Leichtigkeit beiseite. Das führt in der Konsequenz zu den Wahnsinnstaten der RAF. Gegen diese verhängnisvolle Perspektive wurde schon der Pflasterstrand gegründet, Und ich werde immer wieder dagegen ankämpfen, weil die Gewaltschiene nichts als Resignation erzeugt und großen gesellschaftlichen und politischen Schaden anrichtet.

AKTION: So spricht der staatsbürgerlich geläuterte Alt-Sponti. Warum setzt ihr Militanz und radikale Systemgegnerschaft immer wieder mit der RAF auf eine Stufe? Die Ablehnung des parlamentarischen und reformistischen Weges kann ebenso gut aus libertären und anarchistischen Ideen entwickelt werden. Mal ehrlich, ihr braucht diese platte Gleichsetzung. Denn die radikalen Atomgegner, z. B. die Sägefische, oder die Autonomen, die Anarchisten in den Städten, Hausbesetzer und radikale Jobber, machen euch mehr zu schaffen als die RAF.

Fischer: Macht doch eure radikale außerparlamentarische Opposition ...

AKTION: Antiparlarmentarisch, bitte!

Fischer: Auch gut. Macht eure Demos, Flugblätter, Zeitungen und Zentren. Werdet endlich politisch! Ich wünsche mir starke gesellschaftliche Bewegungen, die autonom agieren, eigene Ziele formulieren, Forderungen stellen, auch an Grüne Minister. Das ist beste republikanische Tugend! Macht das, statt mich oder andere Grüne im Guten wie im Schlechten auf einen Sockel zu stellen.

AKTION: Du verschleierst einfach die vorhandenen Widersprüche. Ihr seid für uns kein Partner, kein Verbündeter. Ihr habt euch integrieren lassen. Ja ihr habt euch kaufen lassen. Der Pflasterstrand kriegt Landesbürgschaften. Das machen wohl die Skatrunden mit Holger Börner. Es gibt innige Männerfreundschaften zwischen Rot-Grün. Jürgen Engel und Jochen Vielhauer, Ober-Realos, als gern und oft gesehene Gäste in der Privatvilla von Winterstein. Tom Königs, der Bankiersohn und Finanzexperte der Grünen Fraktion, mit heißem Draht zum SPD Schatzmeister ...

Fischer: Das ist wieder die plumpe Ebene! Jetzt fehlt nur noch der monatliche Scheck von Willi Brandt für Otto Schilly und meine Wenigkeit!

AKTION: Der Sponti-Laden benötigt doch Geld. Cohn-Bendit will seine Zeitung als alternativen Spiegel rausgeben, investiert auch fleißig in Kabelfernsehprojekte und ...

Fischer: Es reicht! Anarcho-Hirngespinste sind das!

AKTION: Willst du damit sagen, daß ihr die ganze Dreckarbeit macht, ohne anständig bezahlt zu werden. Wir hätten euch für cleverer gehalten! Aber zum Schluß noch was anderes. Was ist die Grüne Perspektive für das Jahr 2000?

Fischer: Wenn die Fundis recht behalten, gab es bis dahin mindestens drei Super-GAUs, zwei Weltkriege und den endgültigen Kollaps des Weltwirtschaftssystems. Und der Gipfel der Schreckensvision ist, daß alle Grünen im Jahre 2000, außer den Fundis natürlich, mittlerweile der SPD beigetreten sind.

AKTION: Das wär's dann wohl, oder?