Feminismus und Anarchie?

Manche Leute bringen den Anarchismus mit dem Feminismus in Verbindung. Nun, die Anarchie lässt natürlich keine Benachteiligung der Frauen zu, das ist ganz klar. Ein entsprechendes Engagement ist damit selbstredend Teil des Anarchismus. Es gibt aber einige Ausuferungen des Feminismus, die anarchistischen Grundsätzen zuwiderlaufen:

Wenn Frauen so weit gehen, dass sie den Männern ihre Rechte nehmen wollen, also das von ihnen angeprangerte System umkehren wollen, dann geht es um einen bloßen Wechsel der Machtpersonen - und solche Spielchen kennen wir von den bürgerlichen Gesellschaftsformen wie Diktatur und Demokratie ja zur Genüge. In der Anarchie gibt es definitionsgemäß keine Machthaber, also auch keine Machthaberinnen. Die Geschichte hat oft genug gezeigt, dass Frauen, wenn sie in hohen Positionen sind, denselben Quatsch machen wie Männer. Die Albernheit der Mächtigen hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Matriarchat und Patriarchat sind gleichermaßen albern. In der Anarchie gibt es definitiosgemäß gar kein Archat.

Wenn Frauen so weit gehen, dass sie die Männer zu alleinigen Sündenböcken für die Missstände der Welt machen, dann schieben sie die Verantwortung von sich ab. Anarchie bedeutet, dass jeder Mensch, egal ob Frau oder Mann, selber Verantwortung zu übernahmen hat. Das unterscheidet sie von Demokratie und Diktatur, wo alle die Verantwortung auf die Mächtigen abwälzen.

Wenn Frauen so weit gehen, von Männern zu erwarten, dass sie alles aus weiblicher Sicht zu sehen haben, dann sprechen sie ihnen quasi das Recht ab, Männer zu sein. Dabei ist es doch gerade eine Stärke der Anarchie, dass jedes Individuum es selbst sein darf - Männer dürfen genauso Männer sein, wie Frauen Frauen sein dürfen! Und wie jeder Mensch geschlechtsunabhängige Individualität haben darf. Die Gleichmacherei mit Verneinung der Unterschiede ist ein Prinzip des Absolutismus, das auch der Demokratie zugrunde liegt, aber gewiss nicht der Anarchie.

Übrigens ist es ein Mythos, dass die Männer stärker sind als die Frauen. Körperlich vielleicht, sonst nicht. Klar, wir sind so erzogen, dass wir Männer unsere Schwächen nicht zeigen sollen. Und das erwarten auch viele Frauen, nicht zuletzt oft gerade solche, die sich zum Feminismus bekennen. In dieser Hinsicht haben wir Männer es tatsächlich schwerer als die Frauen. Aber das ist kein Grund zum Jammern. Wir Männer haben genauso ein Recht auf Schwächen wie die Frauen auch.

Wir Männer müssen also genauso für Gleichberechtigung kämpfen wie die Frauen. Im rechtlich festgeschriebenen Bereich mag die Benachteiligung der Frauen größer sein, da dieser bisher schwerpunktmäßig von Männern entschieden wird. Aber in anderen Bereichen gibt es auch das umgekehrte Phänomen. Ich bin ein Mann und das darf ich auch sein! Mit all meinen Schwächen und Stärken. Genauso wie ich alles andere sein darf, was ich bin. Und wie ich andere das sein lass, was sie sind. Eben das ist praktizierte Anarchie!

Gereon Janzing