Rudolf Diesel - ein Solzialreformer oder gar Sozialrevolutionär?

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KALENDERBLATT
18.03.2008

Erfindergeist und Denker

Vor 150 Jahren wurde der Ingenieur Rudolf Diesel geboren - Von Irene Meichsner

Kaum eine andere Erfindung ist mit dem Namen seines Erfinders so verbunden und auf der ganzen Welt bekannt wie Diesel. Doch die Entwicklung des Dieselmotors sah der Ingenieur Rudolf Diesel später gar nicht unbedingt als Hauptleistung seines Lebens an.

"Liebste Eltern, mein sehnlichster Wunsch ist, Mechaniker zu werden. In irgendeinem anderen Fach werde ich kaum etwas Tüchtiges erlernen. Nicht wahr, ich darf Mechaniker werden?"

"Ingenieur" nennt man heute den Beruf, von dem Rudolf Diesel schon als 14-jähriger Junge träumte. Am 18. März 1858 in Paris geboren, war er früh auf sich allein gestellt. Die Eltern, die aus Deutschland stammten, flohen vor dem Deutsch-Französischen Krieg nach England. Rudolf Diesel ging zu einem Pflegevater nach Augsburg, wo er die neu gegründete Industrieschule besuchte.

"Wollen ist Können!"

war schon früh seine Devise. Sein Sohn, Eugen Diesel, schrieb später in einem Portrait seines Vaters:

"Ihn beseelte der verbissene Vorsatz, dereinst etwas Bedeutendes zu leisten. Er besaß ein ausgesprochenes Berufungsgefühl und hatte wohl eigentlich nie daran gezweifelt, zur Schaffung von etwas ganz Ungewöhnlichem bestimmt zu sein."

Schon als Student an der Technischen Hochschule in München entdeckte Diesel das Prinzip des späteren "Diesel"-Motors. Dabei wird Luft so komprimiert, dass sie sich auf bis zu 900 Grad Celsius erwärmt: genug, um den Kraftstoff zu entzünden - ohne die beim Ottomotor erforderlichen Zündkerzen.

Rudolf Diesel wurde Spezialist für Kälte- und Eismaschinen, ging erst nach Paris, später nach Berlin. 1892 meldete er ein Patent auf seine neue "Wärmekraftmaschine" an. Die Maschinenfabrik Augsburg, Vorläuferin der heutigen "MAN-Gruppe", bot ihm daraufhin die Chance seines Lebens: Diesel sollte, unterstützt von der Firma Krupp, einen Prototyp seines Motors entwickeln. Er begann zu experimentieren. Veränderte immer wieder die Steuerung, die Pumpen, das Brennstoffventil. Sein Sohn schilderte einen der entscheidenden Momente:

"Es war am 17. Februar 1894. Diesel hatte zufällig einmal nicht den Blick auf den Motor gerichtet (...). Der Auspuff knallte. Da nahm Monteur Lindner wahr, wie durch das sich drehende Transmissionsrad der um das Schwungrad laufende straffe Teil des Treibriemens schlaff wurde, der bisher schlaffe Teil sich plötzlich straffte. (…) Das war die erste selbständige Kraftäußerung der Maschine. Von der Bedeutung des Augenblicks erfüllt, zog Lindner schweigend die Mütze, und erst dadurch wurde Diesel auf das Ereignis aufmerksam. In stummer Freude drückte er Lindner die Hand."

Diesel-Motoren waren viel effizienter als die alten Dampfmaschinen. Und sie benötigten nicht einmal halb so viel Kraftstoff wie der damals beste Otto-Motor.

"Noch kein Motor hat das erreicht, was der meine erreicht!"

Es war der Beginn einer kometenhaften Karriere. Firmen aus aller Welt planten den Einsatz von Diesel-Motoren in Schiffen, Lokomotiven, Lastkraftwagen. Der Erfinder reiste in die USA, wurde ein reicher Mann.
Doch der Erfolg wuchs ihm bald über den Kopf. Fehlspekulationen und nervenaufreibende Patentstreitigkeiten ruinierten seine Gesundheit. Diesel entdeckte die empfindsamen Seiten seiner Persönlichkeit.

"Eine ungeheure Sehnsucht nach Besserem und Höherem erfüllt die Menschheit. Alles sehnt sich nach Gerechtigkeit und Liebe",

schrieb Rudolf Diesel 1903 in seinem Buch "SOLIDARISMUS", in dem er von einer genossenschaftlich organisierten Gesellschaft träumte. Spöttern hielt er trotzig entgegen:

"Dass ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut. Aber meine Hauptleistung ist, dass ich die soziale Frage gelöst habe."

1912 lief das erste mit einem Diesel-Motor betriebene Ozeanschiff, die dänische "Selandia", vom Stapel. Ein Jahr später kam Rudolf Diesel bei einer Schiffsreise nach England am 29. September 1913 ums Leben. Er war nach dem Abendessen spurlos verschwunden. Erst elf Tage später stießen Seeleute im Ärmelkanal auf seine Leiche. Der Tote wurde anhand von persönlichen Gegenständen als Rudolf Diesel identifiziert.

Hatte er sich das Leben genommen? Oder war er ermordet worden, wie manche Zeitgenossen argwöhnten - womöglich im Auftrag der Erdöl-Industrie: weil Diesel zuletzt, seiner Zeit weit voraus, einen Motor propagiert hatte, der mit PFLANZEN-ÖL betrieben werden sollte? Die genauen Umstände seines Todes wurden nie geklärt.