CASTOR-WIDERSTAND 2010

Redebeitrag von Dr. Michael Wilk (AKU Wiesbaden) bei der Auftaktkundgebung im Wendland am 6. November 2010

Video der Rede auf YOUTUBE: www.youtube.com/watch?v=S5hDH0tv7IM_________________________

Liebe Leute, liebe MitstreiterInnen,
viele von uns sind in den letzten Tagen mal wieder beschimpft worden als Chaoten, als Gewalttäter als Kriminelle, als potenzielle Körperverletzer und als gefährlicher schwarzer Block und als Berufsdemonstranten, die nicht besseres zu tun haben, als die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu untergraben. Untergraben ist ein Stichwort, auf das ich noch zu sprechen komme. Für diese so diffamierten Menschen möchte ich ein paar Worte sagen.

Wir, die wir hier stehen, haben alle gute Gründe. Was uns eint, ist der Protest gegen Atomanlagen. Wir kommen von überall her, um gemeinsam mit den Menschen aus dem Wendland zu demonstrieren. An dieser Stelle möchte ich euch danken für eure Zähigkeit, für eure Phantasie im Widerstand und nicht zuletzt für eure liebevolle Freundlichkeit, mit der ihr uns ein jedes Mal hier aufnehmt und willkommen heißt.

In meinen Augen ist der Betrieb von Atomanlagen Körperverletzung. Eine Körperverletzung, die staatlich bewacht, gefördert und gesetzlich abgesichert ist. Wer atomare Gifte produziert, wer die Risiken kleinredet, eine ungeklärte Entsorgung über Tausende von Jahren Folgegenerationen aufbürdet, handelt kriminell. Nicht die Menschen, die auf die Straße gehen, um diesem Treiben ein Ende zu setzen, sind kriminell, nicht die Menschen, die heute und morgen die Castoren blockieren und die Strecken lahm legen, sind kriminell – sondern die Betreiber. Das sind die Kriminellen, die Gewalttäter und das gilt auch für diejenigen, die dies staatlich legitimieren und absegnen.

Wir alle hier wissen, dass der Atomkonsens aus der Regierungszeit von Rot-Grün ein fauler Deal war. Damals hochgelobt von Regierung und Stromkonzernen, fiel er uns nach dem Regierungswechsel auf die Füße. Mit Teilabschaltungen und gedrosselten Strommengen haben die AKW-Betreiber die im Vertrag angelegte Lücke genutzt, um sich an den geplanten Abschaltterminen vorbei in die jetzige Legislaturperiode zu mogeln. Die Kritik an einer Politik der Kungelei mit den Energiekonzernen, die wir damals äußerten, hat sich übel bewahrheitet. Wir wollen nicht zu diesem Kompromiss zurück, der auch den Zweck hatte, uns zu befrieden und ruhig zu stellen. Die Akteure dieses faulen Deals sind gut beraten, sich selbstkritisch in die Protestbewegung einzureihen. Aber sie stellen wohl kaum die glänzende Speerspitze des Widerstands dar, als die sie sich gegenüber den Medien zu präsentieren pflegen.

Das einzige, was wirklich sicher ist an dem Betrieb von Atomanlagen, ist der Profit der Betreiber. Während Energiekonzerne das schnelle Geld machen, bleibt das Risiko und der Atommüll für alle.  Diese Konzerne handeln nach dem Motto „Profit ohne Skrupel“. Und der Filz zwischen Energiekonzernen und Politik funktioniert gut. Diese Damen und Herren handeln legal, staatlich abgesegnet, staatlich gefördert. Und die Konzerne vergessen nicht, sich erkenntlich zu zeigen.

Vor diesem Hintergrund bedauert die offizielle Politik das schwindende Vertrauen in den Staat. Innenminister diffamieren uns als kriminell. Menschen, die sagen: „Wir haben zu hunderttausenden demonstriert und ihr kümmert euch einen Dreck darum und nun gehen wir einen kleinen Schritt weiter und entfernen den Schotter aus dem Gleis, weil ihr es einfach nicht anders versteht…“, sie sollen die Gewalttäter sein? Ich sage, die Gewalttäter sind die, die uns und noch unseren Kindeskindern für tausende von Jahren Atommüll aufbürden. Und Körperverletzer sind allemal die, die ganz selbstverständlich die auf dem Castortransport eingesetzten Polizisten der Strahlung aussetzen.

Wenn immer mehr Menschen sich widersetzen, anketten, mit Traktoren blockieren oder auch Schotter entfernen, dann ist dies nicht zuletzt auch ein Ergebnis dieser Politik.

Und es ist kein Wunder, dass sie hetzen und uns diffamieren, weil sie es fürchten wie der Teufel das Weihwasser, wenn Menschen nicht nur ihre Stimme abgeben und dann stille sind, sondern wenn sie selbst denken, selbst handeln und anfangen für eine ganz andere politische Kultur zu stehen.

Neben einem breiten gesellschaftlichen Bündnis, welches wir brauchen, um gemeinsam die Atompolitik zu stoppen, geht es eben auch um diese andere politische Kultur. Eine politische Kultur, die in der Lage ist, der menschenfressenden Maxime des „höher, schneller, weiter“ Einhalt zu gebieten.

Engstirnigkeit und Kleben an der Profitmarge ist nicht unser Ding. Wir leiden noch nicht an einem unmenschlichen Utopieverlust. Auch der „new green deal“ eines ökologisch angehauchten Kapitalismus macht uns nicht glücklich, wenn Halbleiter und vermeintlicher Biosprit unter unmenschlichen Bedingungen in der „Dritten Welt“ produziert werden. Ein aufgepapptes Ökosiegel reicht uns nicht.

Wir sehen den Widerstand gegen menschenverachtende Projekte der Energiekonzerne und gegen die Strategie der gefälligen Politiker nicht losgelöst von der sozialen Wirklichkeit. Es geht eben nicht nur um Ökologie. Es geht darum, ob sich Herrschaftsstrategien in diesem Land, in Europa, ja weltweit durchsetzen lassen. So wie die Profite der einen steigen, so verarmen andere Teile der Gesellschaft. Verelendung und Hunger interessieren nicht, solange die Waren- und Kapitalströme in die richtigen Taschen fließen. Wir müssen und werden diese Zusammenhänge sehen und wir begreifen uns deshalb auch als eine soziale Bewegung, die Nein sagt zu Entmündigung und Ausbeutung.

Wenn sie uns drohen und uns als kriminelle Gewalttäter beschimpfen, geht es nicht um die Ungesetzlichkeit des „Schotterns“ und des Blockierens. Es zeigt, dass sie Angst davor haben, dass viele Menschen nicht nur protestieren (was sie immer wieder ignorieren und aussitzen), sondern ein wenig weiter gehen und beginnen mit kleinsten Schritten Widerstand zu leisten. Sie fürchten nicht nur den Verlust von Obrigkeitshörigkeit und vorauseilendem Gehorsam, sondern noch viel mehr den Entzug von Loyalität und eine zunehmende Selbstbemächtigung der Menschen, beflügelt von eben jener anderen politischen Kultur….

All das führt zu folgendem Schluss: Es ist notwendig, die herrschende Ordnung, die Maximen von Profit und ihre Rücksichtslosigkeit zu untergraben...

Ich danke euch…