„Arbeit muss sich wieder lohnen“ – für wen eigentlich?

Über die Produktion kapitalistischer Normalverhältnisse und ihre Reproduktion

Redebeitrag der Anarcho-Syndikalistischen Jugend Göttingen / Südniedersachsen zur „Kapitalismus abwracken!“-Demonstration am 30. April 2010 in Frankfurt/M

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„Arbeit muss sich wieder lohnen“ – für wen eigentlich?

„Arbeit muss sich wieder lohnen“, ist ein Mantra unserer Zeit und bestimmt die Diskurse über die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse. Alle Institutionen und alle sozialen Milieus stimmen dabei mit ein. Von Gewerkschaften und linken Parteien bis zur FDP wird dieser Slogan propagiert und führt damit zu einer Manifestierung des kapitalistischen Paradigmas der Lohnarbeit. Mit diesem Slogan soll den Leuten glaubhaft gemacht werden, dass sich ihre Arbeit gerecht auszahlen wird. Dies aber ist ein Trugschluss. Arbeit im kapitalistischen System wird sich für dich nie auszahlen, sondern immer nur für die Profiteur*innen des Kapitals.

Doch wie kommt es eigentlich dazu, dass wir an das Primat der Arbeit so fest glauben?
Sind wir dazu geboren worden zu arbeiten, um der Gesellschaft damit einen vermeintlichen Dienst zu erweisen?
Und gibt es einen Ausweg aus diesem angeblichen Naturzustand?
Die bestehenden Verhältnisse sind kein Zufall, sie sind das Produkt allgegenwärtiger Zwänge. Der Mensch ist zur Lohnarbeit gezwungen, um sich sein tägliches Brot zu verdienen. All sein Handeln wird darauf ausgerichtet, seinen gesellschaftlichen Status zu verbessern. Dies ist gebunden an materialistische Statussymbole und einen spezifischen Lebensstil. Der Schlüssel dazu ist der Verkauf der eigenen Arbeitskraft.
Dieses System der Zwänge wird nicht durch eine Revolution beendet, die nur die Produktionsmittel aneignet und den eigenen Boss an die Wand stellt Diese Form der personalisierten Kapitalismuskritik führt in eine Sackgasse. Denn diese Zwänge werden uns allen nicht allein aufgedrückt, sondern von uns allen verinnerlicht und tagtäglich reproduziert.
Kapitalismus ist nicht einfach Herrschaft weniger über viele, sondern er funktioniert, weil wir funktionieren.

Dabei existieren viele gesellschaftsorganisierende Institutionen, die den kapitalistischen Normalvollzug reproduzieren und sozialdisziplinierend wirken. Als idealtypisches Reproduktionsmittel ist dabei die Bildung im kapitalistischen System zu sehen. Das Bildungssystem als ganzes ist eines der am wenigsten beachtetsten aber effektivsten Reproduktionsinstitutionen und repressivsten sowie erfolgreichsten Herrschaftsinstrumente.

Die Wunschvorstellung vom Entdecken und Erforschen und von der individuellen Entfaltung und Entwicklung wird ausgenutzt um gerade auch die jungen Menschen in den Knast der kapitalistischen Gesellschaft zu sperren, aus dem sich kaum wer wieder befreien kann. Von den anerzogenen Hierarchien können sich die wenigsten tiefgreifend lösen.

Die Propaganda, dass der Mensch grundsätzlich faul sei, eröffnet eine Vielzahl von Zwängen. So werden wir von Kindesbeinen an beherrschbar gemacht. Mit Scheinbegriffen wie „Wissen“ oder „Intelligenz“, die nur gegen Leistung – das heißt Anpassung und Unterordnung an die Lehrmeinung - erreichbar sind, werden den Kindern und Jugendlichen frühzeitig die Bedeutung von Statussymbolen eingetrichtert. Das Notensystem reduziert jede geistige Betätigung auf erreichbare Belohnung. Mit den angeblich „objektiven“ Noten haben die lehrenden Autoritäten alle Zügel in der Hand.

Weiter kommt nur, wer sich am effektivsten dem maroden Wertekomplex des kapitalistischen Systems anpasst und in die Front der Untertanen einreiht. Diese autoritären Strukturen werden von Anfang an anerzogen und legen damit die Grundlage für die Sucht nach Fremdbestimmung und Autorität, aber auch den Drang, selbst zur elitären Oberschicht zu gehören.

Das einzige Ziel der Erziehung ist die organisierte Unterordnung unter die herrschenden Verhältnisse durch das Ersticken jedes kritischen Geistes, das Heranziehen kritik- und kreativitätsloser, dummer Sklav*innen und damit die Schaffung von Zwängen und Abhängigkeiten. Erst durch das alles umfassende Bildungssystem kann Herrschaft praktisch werden.

Hier sehen wir, wie die Reproduktion stabiler kapitalistischer Verhältnisse möglich wird, durch schrittweises Unterrichten oder besser Abrichten der Menschen. Das Gefängnis Schule, das das Gefängnis kapitalistische Gesellschaft verkörpert, wandert schrittweise in das Innere. Repression ist so nicht mehr als permanenter äußerer Einfluss nötig; Repression wird von allen selbst durchgeführt – gegen sich und gegen andere.

Hier wird deutlich, dass Aktionen wie das „Projekt Bildungsstreik 2009, 2010, etc.“ genauso wie andere systemimmanente Aktionen nichts verändern werden. Diese Proteste akzeptieren die aufgezwungenen Verhältnisse und lassen sich in einzelne Themenbereiche partikularisieren. Dies aber ignoriert die komplexen Zusammenhänge des kapitalistischen Systems. So wie also die Akteur*innen dieser zersplitterten sozialen Kämpfe sich nicht von ihrer eigenen Reproduzent*innenrolle emanzipieren, tun es auch die Proteste nicht, ganz egal wie bunt und kreativ sie auch nach außen zu wirken versuchen.

Widerstand darf sich nicht in vereinzelten Demonstrationen kanalisieren, sondern muss in allen Bereichen unseres Alltags zur Praxis werden. Das heißt, nicht nur den direkten Kampf mit den institutionalisierten Autoritäten dieses Systems zu suchen, sondern an die Wurzeln zu gehen, da hin wo sich das System realisiert, in den täglichen Kampf.
 
Wir müssen wieder mehr auf die Straße gehen. Doch das heißt nicht, wieder häufiger Demonstrationen anzumelden, um uns damit Aktionismus einzureden, sondern es heißt sich aus der mehr oder weniger bequemen Nische im System zu verabschieden und genauso auch den Habitus des/der linken Gesellschaftsanalytiker*in hinter sich zu lassen.

Linksradikale Politik muss wieder praktisch werden, und zwar mit den Leuten, die von der Gesamtscheiße am meisten betroffen sind. Sich direkt in die Reproduktion des kapitalistischen Alltags einzumischen heißt für uns genauso auf die Straße zu gehen und das ist verdammt wichtig, denn hier, auf der Straße wird sich der Aufstand entzünden.

Die Zeit des politischen Spezialist*innentums ist vorbei, wir müssen wieder in der Komplexität des Systems denken, gerade auch weil ein oder zwei Rädchen, die sich nicht mehr drehen wollen nicht das Problem sind. Doch wenn die Triebräder in Gänze ausbrechen, fällt auch die Architektur der kapitalistischen Herrschaft zusammen. Deshalb heißt es mit der Vereinzelung zu brechen und uns autonom und vernetzt zu organisieren.

Für uns bedeutet die Idee des Aufstandes nicht, an bestimmten, als besonders wichtig analysierten Stellen Sand ins Getriebe zu streuen, für uns bedeutet der Aufstand eine radikale Emanzipierung von jeglicher Form von Herrschaft und Unterdrückung, den Ausbruch aus dem aufgezwungenen Leben in der Verwertungsgesellschaft und den Schritt in ein selbstbestimmtes und solidarisches Leben.

Wir denken, dass immer noch alle von uns eine revolutionäre Zelle sind – befreien wir uns also und machen das zur Realität was in uns brennt.Für den radikalen Kampf mit Kapital und Herrschaft – für die Wiederaneignung unseres Lebens.

Viva la Anarquia!