„Kapitalismus abwracken!“-Demonstration am 30. April 2010 in Frankfurt/M

Auftaktrede zum geschichtsträchtigen Veranstaltungsort


Auch wenn wir hier nicht bei einem Stadtspaziergang sind, wollen wir ein paar Worte zu dem Ort sagen, an dem unsere Auftaktkundgebung stattfindet.

Hier im Gallus gibt es, wie in den anderen Stadtteilen auch, ein Bürgerhaus.
Das Haus Gallus, da drüben an der Ecke Frankenallee.

In den 60er Jahren fand dort der Ausschwitzprozess statt, da im Frankfurter Gericht kein ausreichend großer Saal vorhanden war.

Die Bedeutung dieses Prozesses liegt weniger bei den ausgesprochenen Urteilen.

Bedeutsam war der Prozess vor allem deswegen, weil er zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte erahnen ließ, was Auschwitz war.

So wenig der Prozess auch zu einer angemessenen Ahndung dieser Verbrechen beitrug, so wichtig war er für die Aufklärung der Geschehnisse im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz.

Vor 25 Jahren, am 28. September 1985, fand ebenfalls im Haus Gallus eine Wahlkampfveranstaltung der NPD statt.

Seit dem Nachmittag war das Haus Gallus von Polizeikräften abgeriegelt.
Immer wieder prügelten die Bullen den ankommenden Nazis den Weg zum Veranstaltungsort frei.
Aber letztlich war die ganze Aktion, bis zu diesem Zeitpunkt, keine große Sache.

Bei Einbruch der Dunkelheit waren noch 500 von ursprünglich 1200    GegendemonstrantInnen übrig.

Die Frankfurter Polizei hatte ein hartes Vorgehen angekündigt, zumal sie sich für die eine oder andere militante Demo in den Monaten davor rächen wollte.

In der Dunkelheit wurden die Auseinandersetzungen immer heftiger.

Bei Angriffen uniformierter Schlägertrupps, die von Wasserwerfern begleitet wurden, sind wir mehrmals um unser Leben gerannt.

In einer solchen Situation schickte die Einsatzleitung einen Wasserwerfer 9000 gegen die Menschen, die sich auf der Kreuzung Hufnagelstraße / Frankenallee aufhielten.
Dort wurde einer von uns, Günter Sare, vom Wasserstrahl erfasst und daraufhin von dem 23 Tonnen schweren Wasserwerfer überfahren.

Für uns, die an dem Abend dort waren, sah die Situation so aus:
gejagt, getroffen, getötet.

Die Ersthelfer wurden von den nachrückenden Polizisten behindert und Günter Sare starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

„Günter Sare, dass war Mord“ - schallte es durch die Frankenallee, als daraufhin die erste Spontandemo vom Gallus in die Innenstadt begann.
Die Demo wurde sofort und massiv von den Bullen angegriffen.

In den Tagen und Wochen danach kam es immer wieder zu Demonstrationen und Straßenkämpfen. Nicht nur in Frankfurt, sondern in der ganzen BRD.

Kaum eine Lügengeschichte war der Staatsanwalt zu blöd, um das  menschenverachtende Vorgehen der Polizei zu entschuldigen und den toten Günter Sare zum eigentlichen Täter zu machen.

Die Wasserwerfer Besatzung und ihr Kommandant wurden selbstverständlich nicht belangt.

Das offizielle Frankfurt möchte sich nicht an einen Menschen erinnern, der bei dem Versuch, eine Zusammenrottung von Faschisten zu verhindern, von der Polizei getötet wurde.

Wir verlangen vom Ortsbeirat und der Stadt immer noch, dass die schon zu Günters 20sten Todestag angefertigte Gedenkplatte endlich an der Kreuzung Hufnagestraße / Frankenallee angebracht werden kann.

Wir werden Günter Sare nicht vergessen.
Wir werden ihn schon deshalb nicht vergessen, weil wir auch 25 Jahre nach seinem Tod, auf fast jeder unserer Demonstrationen mit Polizeibrutalität konfrontiert werden.

Aber diese Tatsache hat uns damals nicht abgehalten und wird es auch in Zukunft nicht.